Rückblick
Kunibert kommt an seine Grenzen

Soziale Arbeit lebt vom methodischen Vorgehen. So unterstützen Methoden die Professionalisierung sozialarbeiterischer Praxis und können in Ansätzen das Gefühl von Handlungssicherheit vermitteln. Die Sicherheit ist trügerisch, denn Methoden sind in ihrer Wirksamkeit begrenzt, eröffnen in der Begrenztheit je-doch das Momentum des Improvisierens. Diese Erfahrung machten Studieren-de des Reallabors „Partizipation im Kinderschutz“ und lernten, wie man über seine Grenzen geht und einen ganz neuen Horizont entdeckt.
Der 10. Juni 2024 war das Datum, an dem alles klappen sollte. Wochenlange Vorbereitungen, schier endlos erscheinende Diskussionen, ein paar restliche Fragezeichen, ein bisschen Lampenfieber und viele begleitende Emotionen – die Studierenden des Reallabors von Michael Pifke hatten im Sommersemester 2024 an der FH Potsdam ein partizipatives Workshopkonzept erarbeitet, um gemeinsam mit Kindern ihr Verständnis und ihre Perspektive auf Beschwerde und Beschwerdeverfahren zu erarbeiten.
Da die Studierenden das Studium dual absolvieren, stand ein Praxispartner und damit ein Zugang zum Feld zur Verfügung. Die leitende Forschungsfrage: Wie kann das Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe optimiert werden, um die Bedürfnisse und Rechte der betroffenen Kinder und Jugendlichen bestmöglich zu berücksichtigen?
Wenn es um Partizipation geht, muss es auch partizipativ sein – darauf konnten sich alle schnell einigen. Bei der Konzeption des Workshops wurden verschiedene theoretische und praktische Materialien und Zugänge herangezogen. So ergänzte Alma Lucia Balmes die Gruppe mit ihrem besonderen ästhetischen Blick und einer Perspektive, die das Denken der angehenden Sozialarbeiter*innen inspirierend ergänzte.
Eine der Herausforderungen war, den Workshop zu planen, ohne genau zu wissen, mit wem wir eigentlich konkret arbeiten werden. Kindgerecht sollte er sein, aber in jedem Fall mit Fahrplan, um auch unser empirisches Ziel im Rahmen des forschenden Lernens zu erreichen. Welche Methoden eignen sich? Wie ist die Ansprache? Und können wir Ergebnisse nach wissenschaftlichen Standards der qualitativen Forschung festhalten?
Wenige Tage vor dem 10. Juni 2024 schienen wir auf all diese Fragen eine Antwort zu haben. Wir hatten sogar ein Maskottchen entwickelt, namens Kunibert, das es den teilnehmenden Kindern ermöglichen sollte, abstrahiert und mit Distanz über ihre Herausforderungen zu sprechen. Die Idee war, Kunibert mit einem Problem auf eine Reise zu schicken. Die Lösung des Problems sollte von den Kindern in einem Parcours gefunden werden. Uns interessierte, wie Kinder über Probleme sprechen, welche Wörter sie verwenden, wie lösungsfokussiert sie vielleicht sogar bereits handeln. Wir hofften, wenn Kunibert das Problem selbst hat, eröffnet sich für uns ein Fenster zum Geist der Kinder.
Im Sinne des Empirismus sollte durch Interaktion das passieren, was praktische Soziale Arbeit kennzeichnet: Lernen durch Erfahrung. Das Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis schien verheißungsvoll, auch wenn wir nicht zwingend eine eigene Theorie entwickeln wollten. Die Beantwortung unserer Forschungsfrage und ein paar hilfreiche Hinweise für den Praxispartner, der uns Zugang zu einer Tagesgruppe (Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren) ermöglichte, das waren unsere Ziele.
Um die Pointe aufzulösen: Wir haben keine Antwort auf die Forschungsfrage erhalten und so richtige Lifehack-Tipps für den Praxispartner sind auch nicht herausgesprungen. Unsere Methoden funktionierten nur bedingt, es fiel den Kindern schwer, sich auf unser planvolles Vorhaben einzulassen. Der aufgebaute Parcours wurde ohne Beachtung der einzelnen Stationen mehr oder weniger auseinandergenommen. Nichts schien zu wirken. Es drängt sich, wie immer in solchen Situationen, die Frage auf, woran hat es gelegen? Die Vorbereitung war gut, die einzelnen Workshop-Elemente wirkten logisch und angemessen durchdacht, die Methodenauswahl vielfältig und kindgerecht. Während man immer etwas verbessern kann, so zeigte dieses Reallabor in der Reflexion eines: Kunibert kam an seine Grenzen, und mit Kunibert meinen wir Methoden und methodisches Handeln. Und natürlich uns selbst.
Die Auswertung des Workshops führte uns vor Augen, dass wir als Sozialarbeiter*innen methodisches Handeln brauchen, um professionell zu agieren. Gleichzeitig braucht es Improvisation, um Professionalität zu wahren, wenn Methoden scheitern. Diese Erkenntnis scheint nicht bahnbrechend neu, doch ist sie für uns im Rahmen des Reallabors erfahrbar geworden. Erfahrung wirkt nach, Erfahrung bleibt nicht nur im Kopf, wir spüren sie mit Hirn und Herz. Wir haben eine Idee davon bekommen, wie es sich formt, dieses berühmte Bauchgefühl, das in der Sozialen Arbeit nicht weniger wert ist. Gleichzeitig konnten wir im Vorfeld die Wichtigkeit theoretischer Zugänge erarbeiten, um unser Vorhaben überhaupt mit einer Prise Struktur zu versehen.
Denn eines muss festgehalten werden: Auch wenn wir wenig Erkenntnisse für unsere Forschungsfrage erlangen konnten, so handelten die drei Studierenden, die den Workshop durchgeführt haben, zu jedem Zeitpunkt professionell, auch wenn sie sich im Prozess von Methoden verabschieden mussten. So ist doch dieses Sinnen über Wirksamkeit von Hilfe in der Sozialen Arbeit Kern sozialarbeiterischer Praxis. Und auch Theorie.
Die Kinder fanden den Workshop im Übrigen super und haben sich am Ende sehr über ihre Kunibert-Teilnahme-Urkunden gefreut. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Soziale Arbeit irgendwie auch wunderlich sein kann, denn was funktioniert, das lässt sich manchmal eben nur erahnen. Und wenn wir nur ahnen, wie gestalten wir aktive Partizipationsprozesse?
Ergebnisbericht zum Reallabor „Partizipation im Kinderschutz“ im Wintersemester 2023/2024 und Sommersemester 2024 im Studiengang Soziale Arbeit | Dual-Digital (B. A.); Autorin: Sina Priegnitz